Die Mauern des Schweigens

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Ex-Flughafen Athen-Ellinikon, jetzt Unterkunft für Geflüchtete. | Foto: Irene Allerborn und Franz Konietzky | www.worldunlimited.de

Das Verbrechen ernährt sich vom Schweigen: Je stiller das Verbrechen ausgeübt wird, umso länger lebt es. Seit seiner Machtübernahme im Jahr 1970 hat sich das syrische Regime bewusst darum bemüht, dunkle Schleier über die syrische Situation und die eigenen Untaten zu werfen. Dies ermöglichte es für einen Zeitraum von über 40 Jahren, das syrische Volk zu unterdrücken und es seiner Freiheiten zu berauben, ohne dass jemals ein Mensch davon erfuhr. Um seine Verbrechen zu verbergen, errichtete das Regime unsichtbare Mauern des Schweigens. Nur hier und da waren ein paar Stimmen von Oppositionellen, politischen AktivistInnen und Menschenrechtsorganisationen zu hören, aber diese waren nicht mehr als ein stummer Schrei.

In seiner Geschichte hatte das syrische Volk immer wieder versucht, das Schweigen zu durchbrechen: in Form von Revolten wie im Jahr 1980 oder durch zivilgesellschaftliche Protestbewegungen wie etwa im Jahr 2000. Mal sorgte das Regime durch die Verhaftung von politischen AktivistInnen dafür, das Schweigen zu bewahren. Wenn die Stimmen im Volk wieder ansetzten, um die Stille zu durchbrechen, reagierte das Regime mit brutaler kollektiver Bestrafung. So geschah es auch 1982 in Hama, als das Regime 40.000 BewohnerInnen der Stadt ermordete. Wer danach im Land noch aufbegehrte, wurde eingeschüchtert und es wurde dafür gesorgt, dass weiter geschwiegen wurde. Die staatliche Repression erreichte ihren Höhepunkt zwischen den Jahren 1980 und 1985, als mehr als hunderttausend Menschen verhaftet wurden. Mehr als die Hälfte von ihnen wurde danach als vermisst gemeldet und nie wieder gesehen.

Frühling 2011: Der Versuch, die Mauern des Schweigens einzureißen

Mit dem Beginn der syrischen Revolution im März 2011 und mit der Verbreitung einer Vielzahl von Medien und Sozialen Netzwerken, begann der Zerfall der Mauern des Schweigens. Die syrische Stimme erreichte die Welt auf dramatische Art und Weise. Trotz unzähliger Versuche des syrischen Regimes – etwa durch die Niederschlagung der Revolution oder durch die Verfolgung von AktivistInnen – die Menschen mundtot zu machen, war es dafür zu spät.

Nun ging das Regime dazu über, das Experiment von der verwüsteten Stadt Hama zu wiederholen. Diesmal wurde die Stadt Homs ausgewählt und gezielt mit schweren Waffen und Luftangriffen attackiert. Dies führte zu einem großen Exodus aus Homs in Richtung der restlichen syrischen Städte.
Daneben tauchte mit dem Islamischen Staat (IS) ein nützlicher neuer Akteur im Bürgerkrieg auf. Seit der Ausrufung der Terrororganisation am 9. April 2013, begann diese gleich mit der Bekämpfung der syrischen Opposition und mit der Eroberung ihrer Einflussgebiete. Auch kämpfte sie immer wieder – wie in Aleppo, Qalamoun und der Provinz von Damaskus – neben den Truppen des angeblichen Feindes – dem syrischen Regime – gegen die gleichen GegnerInnen, nämlich die syrische Opposition.

Nach einer schnellen Eroberung von großen Teilen des Landes begann der IS mit der kollektiven Bestrafung der Bevölkerung dieser Gebiete und reproduzierte dabei die Brutalität des Regimes in neuen Formen. So wurden im August 2014 mehr als 700 ZivilistInnen bei einem Massaker in Deir ez-Zor niedergemetzelt. Sie alle waren AnhängerInnen der Opposition und gegen das syrische Regime. Endlich realisierten die SyrerInnen, dass die Brutalität sich nur in andere Kleider gehüllt hatte. Ihnen blieb keine Wahl außer der Flucht aus dem Land.

Flucht aus Syrien: Die Mauern des Schweigens stürzen endgültig ein

Obwohl das Leiden des syrischen Volkes keinen Platz in den Kalkulationen des Regimes hatte, konnte die Führung des Landes die Idee, dass die Bevölkerung in andere Länder und vor allem nach Europa flieht, aus zwei Gründen nicht gutheißen. Erstens: Weil dies dem Regime die Gelegenheit verdarb, weitere Vergeltungsmaßnahmen gegen die Menschen wegen ihrer versuchten Revolution zu vollführen. Zweitens: Weil die Verbrechen des Regimes international bekannt wurden. Hunderttausende SyrerInnen waren AugenzeugInnen und sie berichteten ihren hunderttausenden europäischen FreundInnen von den Verbrechen. Außerdem machten die Todes- und Fluchtszenen allen bewusst, welche Monster den Tod in Syrien hervorbringen. Hier erkannte selbst das syrische Regime, dass die Mauern des Schweigens nun vollständig eingestürzt waren und das letzte Feigenblatt mit den Menschen in Booten und Flüchtlingskonvois gefallen war.

 

Zaher Alsalama

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