Armut und Jugend: Wie kann der Wandel in Mali gelingen?

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Arbeitslosigkeit, Marginalisierung und fehlende Perspektiven: Die Jugend in Mali fühlt sich vernachlässigt und vergessen. Im vom Krieg gebeutelten Land hat die bald größte Bevölkerungsgruppe – junge Menschen – keine entscheidende Stimme. Die aktuellen politischen Entscheidungen geben aber auch keinen Grund zur Hoffnung, dass sich das in naher Zukunft ändern wird.

Es herrscht Krieg in Mali. Man kann es in Bamako, der Hauptstadt des Landes, sehen und fühlen. Die Besetzung des Nordens 2012 hat die Stadt tiefgehend beeinflusst – insbesondere die Angriffe, die als direkte Konsequenz auf die Situation im Norden folgten. Hotels sind verbarrikadiert, Soldaten sind auf den Straßen, überall ist Militär sichtbar. Aber dieses Gefühl wird noch gefüttert durch die Geschichten und die Analysen von Freunden und Kollegen. Denn sie sehen nicht viel Gutes in der Regierung.

Der Präsident, Ibrahim Boubacar Keita (IBK), kapselt sich immer mehr von der Bevölkerung ab. Die letzten Säuberungsaktionen in der Stadt sind dafür nur ein Beispiel. So etwa die Entlaubung der Straßenseiten oder das Fortspülen der kleinen Schuppen, welche die Straßengeschäfte beherbergten. Sie waren die Arbeitsstätten vieler oft junger Leute, die nunmehr keine Arbeit mehr haben und versuchen müssen, irgendetwas aus dem Nichts hervorzubringen. Auch für das Francophonie-Festival, das 2017 in Bamako stattfinden soll, wurde bislang kein Ort gefunden. Die Menschen sind darüber sehr verärgert und sehen ihre Stimme für IBK im Nichts verpuffen. Er tut nicht viel für sie.

Urbaner Jugendprotest

Dissidenten werden gleichzeitig von der Regierung verfolgt: Vor kurzer Zeit – Mitte August – wurde einer der populärsten Radiojournalisten, Ras Bath (Youssouf Mohamed Bathily), verhaftet. Er wurde festgenommen, weil er die Wahrheit über die Situation in Mali sagte und Regierungsaktionen hinterfragte. Ras Bath hat sein eigenes Radioprogramm „Karte auf dem Tisch“, das sehr populär ist – gerade auch unter den jungen Leuten. Als er verhafte wurde, gingen viele junge Menschen auf die Straße, um ihn zu unterstützen. Sie überschwemmten Facebook mit Unterstützungsbotschaften. Die Regierung hatte jedoch keine Toleranz für die demonstrierende Jugend übrig und so wurde die Demonstration gewaltsam unterbunden, zwei junge Protestierende dabei getötet. Nach diesem Zwischenfall wurde noch dazu das mobile Internet von der Regierung abgeschaltet.

Jugend in Boni

Anfang September erreichte die Nachricht über ein weiteres Ereignis die internationale Presse: Boni, eine Kleinstadt im Inneren Malis, wurde von “Djihadisten” besetzt. Der Vorfall ist ein wenig undurchsichtig: Offensichtlich hatte sich das Militär von Boni zurückgezogen und es in den Händen der Bevölkerung zurückgelassen. Die Jugendgruppen, selbsternannte „Djihadisten“, die ihre Camps in der Region haben, ergriffen die Chance, um ihre Macht zu beweisen und “besetzten” Boni für ein paar Tage. Das Militär gewann es dann wieder zurück. Anstatt aber eine Untersuchung anzustellen nach dem, was eigentlich passiert war und wer diese jungen Militärs waren, die sich auf eine djihadistische Bewegung bezogen, wurden sie als Terroristen gebrandmarkt und vor Gericht gestellt, falls man ihrer habhaft wurde. Wer aber sind diese jungen Männer, die aus der jungen Bevölkerung Malis stammen?

Abgehängte Jugend

In einem anderen Blog und einer Publikation von Boukary Sangaré haben wir versucht herauszufinden, was hinter diesen Geschichten von kriminellen Aktionen und Terrorismus steckt. Sie sind Teil der abgehängten Jugend, die mehr als 60 Prozent der Bevölkerung Malis stellen und welche meinen, dass es nicht genug Aufmerksamkeit ihnen gegenüber gibt. Gar, dass sie vergessen werden. Die Menschen in Boni haben einen ländlichen und nomadischen Hintergrund. Viele von ihnen im Inneren Malis fühlen sich marginalisiert. Tatsächlich ist ihr Leben geprägt durch schrumpfende ländliche Gebiete, ökologischen Schwierigkeiten und neuerdings allgemeiner regionaler Unsicherheit. Die ländliche Jugend hat keine wirkliche Zukunft in ihren ursprünglichen Lebenszusammenhängen und tendiert dazu, andere Möglichkeiten und Zusammenhänge zu suchen – wozu auch die djihadistische Bewegung gehört.

In näherer Zukunft wird Mali eine der jüngsten Nationen der Welt sein, in der 60 Prozent der Bevölkerung jünger als 25 Jahre sein wird. All diese jungen Menschen brauchen eine Zukunft. Obwohl die Jugend in Boni und die städtische Jugend anscheinend sehr unterschiedlich sind, teilen sie in weiten Bereichen die gleichen Lebensbedingungen und die Unmöglichkeit, sich eine Zukunft aufzubauen. Das Gefühl – und die Tatsache – von Marginalisierung, Arbeitslosigkeit, Armut. Wechselnde Regierungsminister werden diese Probleme nicht lösen. NGOs und internationale Programme schlagen als eine Lösung den Aufbau von Jugenderwerbsprogrammen vor. Dies scheint eine Möglichkeit zu sein, einen Teil des Problems zu lösen. Allerdings erscheint es sehr schwer, in einer allgemeinen Armutsökonomie neue Arbeitsplätze zu schaffen. Des Weiteren, auch wenn die jungen Leute dazu eingeladen werden, ihren Teil zur Problemlösung bei internationalen Foren oder NGO-organisierten Diskussionen beizutragen, trifft dies nicht die Bedürfnisse der analphabetischen Jugend aus den armen stadtnahen Randbezirken oder aus den ländlich-nomadischen Gebieten.

Das Leben geht weiter

Während Jugend und Armut sich vermischen, werden viele Milliarden an Mitteln in einer UN-Friedensmission in Mali ausgegeben, welche die Stadt dominiert und formt. Und die malische Regierung wird immens viel Geldes ausgeben für das Francophonie-Festival im Januar 2017. Die (gebildeten) Eliten werden von dieser NGO-Maschinerie profitieren. Die Jugend wird eine weitere Geschichte voller Frustration erleben. Wann wird sie endlich Platz an den Verhandlungstischen nehmen können?

Mirjam de Bruijn

 

(Zuerst veröffentlicht in einer englischsprachigen Fassung auf Counter Voices in Africa)

 

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