Schwuler syrischer Geflüchteter in Istanbul ermordet

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Der schwule syrische Geflüchtete Muhammad Wisam Sankari verließ sein Haus in Aksaray/Istanbul in der Nacht des 23. Juli 2016. Am 25. Juli wurde er tot in Yenikapi/Istanbul aufgefunden. Er war enthauptet und bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Wisams Mörder wurden bis heute nicht gefasst. Wisam – der zuvor bereits bedroht, von einer Gruppe von Männern entführt und vergewaltigt worden war – hatte versucht, in ein anderes Land zu flüchten, da sein Leben in Gefahr war.
Nach seinem Mord sprachen wir mit Wisams Mitbewohner_innen Rayan, Diya und Gorkem darüber, was Wisam durchmachen musste, wie es ist, ein_e LGBT-Geflüchtete_r in der Türkei zu sein, und über die Probleme von Geflüchteten. Sie sprachen mit KaosGL.org darüber, wie vorhersehbar der Mord war, die Untätigkeit der zuständigen Personen und ihre Angst, wer als nächstes dran ist.

„Wir haben uns beim Polizeirevier beschwert; sie taten nichts“

Rayan, der Wisam bereits ein Jahr kannte, sagt: „In letzter Zeit war er ziemlich nervös. Wenn wir ihn fragten, was los ist, antwortete er nicht viel“, und erläutert, dass Wisam schon davor bedroht und entführt wurde. Er sagte, sie hatten Schwierigkeiten, sich auf den Straßen von Aksaray, wo sie wohnten, zu bewegen: Denn dort hatten Männergangs mit Messern sie schon mehrmals bedroht und gesagt, sie würden sie vergewaltigen. Rayan zufolge erlebte Wisam folgendes: „Wir wohnten vorher in einem anderen Haus, aber das mussten wir verlassen. Nur, weil wir schwul sind. Die Menschen um uns starrten uns ständig an. Dabei taten wir nichts Unmoralisches? Vor ungefähr fünf Monaten entführte eine Gang Wisam in Fatih. Sie nahmen ihn mit in den Wald, prügelten und vergewaltigten ihn. Sie hätten ihn getötet, doch Wisam konnte sich mit einem Sprung auf die Straße retten. Wir meldeten den Vorfall bei der Polizei, aber nichts geschah.“

„Wir erkannten ihn an seiner Hose“

Gorkem war ebenfalls Wisams Freund und einer von denen, die nach Wisams Mord seinen Leichnam identifizierten. Gorkem erzählt die Geschichte von Wisams Verschwinden und die Nachricht von seinem Tod unter Tränen: „In dieser Nacht verließ Wisam das Haus. Wir hatten bereits Angst wegen der Drohungen. Wir sagten ihm, er solle nicht gehen, aber er wollte für 15 bis 20 Minuten aus dem Haus. Die ganze Nacht lang kam er nicht wieder. Am nächsten Tag fasste uns die Panik, als wir ihn nicht erreichen konnten. Wir gingen zur Gesellschaft für Solidarität mit Asylsuchenden und Migrant_innen (Association for Solidarity with Asylum Seekers and Migrants, kurz ASAM). Sie verwiesen uns zum Polizeirevier von Faith. Wir wussten nicht einmal, wie wir dort hinkommen oder was wir sagen sollten. Am Sonntag rief uns die Polizei an. Wir gingen mit Rayan nach Yenikapi. Wisam war brutal gestochen worden. So brutal, dass zwei Messer in seinem Körper zerbrachen. Seine Mörder hatten ihn enthauptet. Sein Oberkörper war unkenntlich, seine inneren Organe hingen heraus. Wir erkannten unseren Freund einzig an seiner Hose.“

„Wer ist der Nächste?“

Diya sagt, nach Wisams Tod leben sie in Angst davor, wer als nächstes zum Opfer werden könnte, und sie fürchten sich, auf die Straße zu gehen:

„Ich habe solche Angst. Ich habe das Gefühl, auf der Straße von allen angestarrt zu werden. Zweimal wurde ich schon entführt. In Çerkezköy haben sie mich gehen lassen und einmal kam ich kaum wieder nach Hause. Ich wendete mich an die UN für meine Identifikation, aber das haben sie nicht mal mit einer Antwort bedacht. Niemand kümmert sich um uns. Sie reden nur. Ich werde übers Telefon bedroht. Ich rede mit ruhiger Stimme, damit mir nichts passiert. Es ist ganz egal, ob du Syrer oder Türke bist; wenn du schwul bist, bist du für alle eine Zielscheibe. Sie wollen Sex von dir und wenn du ihnen den nicht gibst, verfolgen sie dich einfach. Ich habe keine Papiere; wer würde mich beschützen? Und wer ist als nächstes dran?“

Rayan kritisiert ASAM und die Vereinten Nationen:

„Was nützt es noch, irgendetwas zu tun, nachdem Wisam ermordet wurde? Unser Freund ist tot.“ Und fügt hinzu: „ASAM und die UN tun nichts für uns. Wir sind auf uns selbst gestellt. Wir bleiben zusammen, um uns zu schützen. Wir bekommen keine Informationen oder Antworten. Nur leeres Gerede… nach Wisams Tod rief ASAM uns an. Nach seinem Tod… was nützt das da noch? Eine gute und herzensreine Person wurde dieser Welt genommen.“

Yıldız Tar

 

(Zuerst veröffentlicht in einer englischsprachigen Fassung auf KaosGL)

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