Aus dem Sinjar-Gebirge nach Dortmund – Ein Ende als neuer Beginn?

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Azhar Alias Mirza in Dortmund. | Foto: Hatun Citkin

„Ding dong, ding dong“ – die Glocken der Reinoldikirche im Dortmunder Zentrum läuten. Es ist schon 11 Uhr mittags und Azhar Alias Mirza ist nicht zu sehen. Ich rufe ihn an und er geht auch gleich ans Telefon: „Tu lkidary nha?“ frage ich, in kurdischer Sprache – „Wo bist du?“ „Ez ljehe basama!“ antwortet er – „Ich bin an der Haltestelle.“ Schnell gehe ich zur U-Bahn-Haltestelle Reinoldikirche, die hinter der Kirche liegt. Als er mich sieht, winkt er mit der linken Hand, erst fröhlich, dann ein wenig bedrückt. „Passend zum Wetter und dem heutigen Tag!“, denke ich. Der Himmel ist grau und es nieselt. Noch ungewohnt für ihn. In seinem Herkunftsland regnet es im August nie.

Eine Jagd auf EzidInnen beginnt, Tausende fliehen!

Azhar Alias ist 20 Jahre alt und lebt seit eineinhalb Jahren in Deutschland. Er ist einer von wenigen ezidischen KurdInnen hier, die aus Sinjar kommen und Glück im Unglück hatten. Denn Sinjar liegt im Westen des Iraks an der Grenze zu Syrien. Am 3. August 2014 eroberte der Islamische Staat (IS) innerhalb kürzester Zeit die Stadt Mossul und es begann eine Jagd auf EzidInnen (auch JesidInnen genannt) und Andersgläubige. Von den sunnitischen NachbarInnen der EzidInnen unterstützt, eroberte der IS Dorf um Dorf. Ezidische Freiwillige verteidigten noch für einige Stunden ihre Häuser. Nachdem ihnen aber die Munition ausging, versuchten sie sich in das Sinjar-Gebirge zu retten. Etwa eine Million Menschen ergriffen die Flucht, 450.000 davon waren EzidInnen. Ob EzidInnen, ArmenierInnen oder TürkmenInnen: Tausende flohen in das Gebirge. Auch Azhar Alias und seine Familie waren darunter. Im Gebirge gerieten sie zwar in schwere Not. Schlimmer erging es aber den EzidInnen, die nicht fliehen konnten, darunter viele Ältere, Frauen und Mädchen. Sie wurden gezwungen, zum Islam zu konvertieren. Wer dies ablehnte, wurde ermordet. Insgesamt 5.000 Menschen wurden hingerichtet, 7.000 wurden entführt, versklavt, vergewaltigt und missbraucht. Noch heute sind 3.200 Frauen und Kinder in Gefangenschaft des IS.

Sinjar ist gerettet, doch die EzidInnen ziehen weiter

Erst nach einer Woche und bei Temperaturen von über 40 Grad Celsius, mit wenig Wasser und ohne Lebensmittelvorräte, konnten 30.000 bis 50.000 EzidInnen durch die kurdischen RebellInen der Volksverteidigungseinheiten YPG gerettet werden. Am 14. November 2014 wurde Sinjar vom IS befreit, doch tausende EzidInnen wollten nicht mehr zurück. Sie zogen weiter über die Türkei und das Mittelmeer nach Europa und beantragten Asyl. Unter ihnen sind auch Azhar Alias und sein jüngster Bruder Anwar (16). Beide kamen im November 2014 in Diyarbakir an und reisten von dort über Istanbul nach Bulgarien, Serbien und Österreich. Im März 2015 erreichten sie Deutschland. Ihre Eltern und ihre beiden Schwestern folgten ihnen fünf Monate später. Die beiden älteren Brüder Adip (23) und Adil (22) wohnen schon seit 2009 in Dortmund. Schätzungsweise 30.000 EzidInnen haben in Deutschland Asyl beantragt. Insgesamt leben in Deutschland etwa 120.000 EzidInnen – hauptsächlich in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.

Die Begegnung mit dem IS

Bevor Azhar Alias die Stadt Dohuk im Nordirak verlassen hatte, studierte er im zweiten Semester Physik. Sein Studium möchte er auch hier fortsetzen. In Dohuk hatte sein Vater eine eigene Autowerkstatt, von der die ganze Familie gut leben konnte. Sie brachte um die 5.000 US-Dollar im Monat ein. Gerne hätte er das Geschäft des Vaters übernommen. Doch wegen des IS wurden zuerst seine Universität und dann Papa‘s Werkstatt geschlossen.

Im Jahr 2012 flüchteten sie in das Dorf Khaksor in Sinjar. Doch zwei Jahre später drang der IS auch dorthin vor. „Am 3. August 2014 erfuhren wir beim Frühstück, dass der IS einen Kilometer vor unserem Dorf steht. Innerhalb von wenigen Minuten mussten alle 35.000 Einwohner ohne irgendwelche Vorbereitungen das Dorf verlassen.“ Diejenigen, die Autos besaßen, wie seine Eltern und Onkel, flohen mit ihnen. Er und seine Brüder sowie tausend andere Menschen liefen zu Fuß hinterher. Viele Ältere und Menschen mit Handicap blieben im Dorf. Sie wollten niemandem zur Last fallen.

Ein neues Leben in Dortmund

Azhar Alias und sein Bruder entschieden sich nach den Geschehnissen des 3. August 2014, nach Deutschland zu kommen. Im März 2015, nach ihrer Registrierung in München kamen sie dann in Dortmund an. „Die Anerkennung als Flüchtling hat schnell funktioniert. Ich wurde bis jetzt nie diskriminiert oder beleidigt. Auch im Vorbereitungskurs fand ich schnell Anerkennung“, erzählt Azhar Alias. Zurückkehren werde er nicht, „weil es keinen Frieden im Nahen Osten geben wird“, betont er.

Im September 2016 beginnt er mit dem deutschen Abitur. Jetzt ist er fröhlicher. „Das ist aber eine tolle Nachricht!“, erwidere ich auf Deutsch. Das sei aber nicht der schönste Moment seines Lebens, betont er. Das, so sagt er, war der Moment, an dem seine Eltern, fast ein Jahr nach dem Angriff des IS, am 2. August 2015 um 5:30 Uhr morgens vor seiner Wohnungstür in Dortmund standen. Er erinnert sich gut an diesen Moment: „Ich bin vor Freude erst auf meinen Vater, dann auf meine Mutter zugestürmt. Ich habe sie geküsst und kräftig umarmt.“ Seine Augen sind voller Freude, als er von dem Tag erzählt. Fast beginnt er zu weinen. Bevor es ihm die Stimme versagt, fügt er schnell hinzu: „Heute sind wir wieder eine Familie, das hat mein Vater beim Frühstück gesagt.“ Das werde er nie vergessen, genauso wie er nie vergessen werde, woher er kommt.

Hatun Citkin

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